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Landeshandwerkskonferenz: Expertentreff zu Wiederaufbau-Projekt Ahrtal

22. September 2021

Veranstaltung in der Handwerkskammer Koblenz stellt Hochwasserkatastrophe in den Mittelpunkt.

Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und in anderen Teilen von Rheinland-Pfalz war das Schwerpunktthema der Landeshandwerkskonferenz, die im Zentrum für Ernährung und Gesundheit der Handwerkskammer (HwK) Koblenz stattfand. Fast 80 Teilnehmer von Handwerksorganisationen, aus Politik und dem Krisenmanagement, von Versorgungsunternehmen sowie helfende wie auch betroffene Handwerker tauschten sich aus zu den bisherigen Arbeiten im Ahrtal wie auch die nächsten Aufgaben im Zuge von Deutschlands größtem Wiederaufbau-Projekt.

Unter anderem informierten Nicole Steingaß, Staatssekretärin im Innenministerium und Leiterin Wiederaufbauorganisation Rheinland-Pfalz (RLP), Thomas Linnertz, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und Leiter des Krisenstabes, Petra Dick-Walther, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz oder auch Rainer Zeimentz, Leiter der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e.V. über den Sachstand und die nächsten Schritte der Krisenbewältigung. Einig waren sich alle Experten dieses Forums: Es ist eine Mammutaufgabe, die Schritt für Schritt gelöst werden muss. „Das Ausmaß der Schäden ist gigantisch. Es wird dauern, viel Geld kosten und nur in einer funktionierenden Solidargemeinschaft zu lösen sein“, machten HwK-Präsident Kurt Krautscheid, Johannes Lauer als Vorsitzender des Unternehmerverbandes Handwerk RLP e.V. und Gerd Benzmüller als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kreishandwerkerschaften in RLP zu Beginn der Konferenz deutlich. Alle drei arbeiten im handwerklichen Krisenmanagement unter Führung der HwK Koblenz mit, das sich jeden Dienstag in Bad Neuenahr-Ahrweiler trifft. 600 Handwerksbetriebe entlang der Ahr sind durch die Hochwasserkatastrophe stark beschädigt oder ganz zerstört worden. „Wir sind nach der ersten Phase der Aufräumarbeiten nun zusammen mit diesen Betrieben im Wiederaufbauprozess. Gemeinsam werden wir das schaffen“, sendeten die Handwerksvertreter gleich zu Beginn ein optimistisches Signal.

Thomas Linnertz übernahm drei Tage nach der Hochwasserkatastrophennacht vom 14. zum 15. Juli den Krisenstab. Er berichtete darüber, was seitdem alles geleistet wurde. „Viele Hilfsdienste haben alles aufgeboten, was sie haben. Die Solidarität der Menschen und ihr Einsatzwille sind gigantisch.“ So waren insgesamt 5.000 „offizielle“ Helfer im Einsatz, weitere 300 übernahmen Koordinationsaufgaben. 20.000 Menschen werden tagtäglich versorgt. Die Koordination vor Ort klappe inzwischen gut und Linnartz bedankte sich bei den Akteuren der Kreis-, Verbandsgemeinde- und Stadtverwaltungen. Insbesondere die Ortsbürgermeister und Ortsvorsteher entlang der Ahr hätten unglaubliches geleistet wie auch das handwerkliche Ehrenamt, „das sich ohne Rücksicht auf den eigenen Betrieb oder auf das eigene Schicksal im Sinne aller Betroffenen reingekniet hat.“

Josef Rönz, Vorstandsvorsitzender der Energieversorgung Mittelrhein (EVM) gab einen Überblick zu den Gas-Versorgungssystemen, die gerade für das Heizen im Winter von großer Wichtigkeit sind. Viele Kilometer Gasleitungen wurden zerstört und „der Wiederaufbau habe in der Realisierung einfach seine Grenzen!“ Um Zeit zu sparen, verzichtet die EVM auf klassische Vergabeverfahren und hat ein Budget von 30 Millionen Euro bereitgestellt, „ohne selbst zu wissen, inwieweit sich Bund und Land finanziell daran beteiligen werden. Täglich sind rund 100 Spezialisten im Einsatz, dazu kommen viele ehrenamtliche Helfer, von denen 20 selbst alles verloren haben. Trotz aller Anstrengungen wird es Provisorien geben müssen.“ Rönz erläuterte hierbei die Kooperation mit einem Flüssiggas-Unternehmen. Die Variante, elektrisch zu heizen, habe Grenzen, denn auch die Stromnetze können entsprechende Kapazitäten nicht bereitstellen und würden bei Überlastung zusammenbrechen – eine Krise in der Krise, die unbedingt verhindert werden muss. Lob gab es vom EVM-Chef für das Handwerk wie auch die Handwerkerplattform „handwerk-baut-auf.de“. „Das sind praktische und konstruktive Hilfestellungen, die uns vorwärts bringen.“

Petra Dick-Walter ging insbesondere auf die Sicherstellung der Materialversorgung für den Wideraufbau ein. „Die Menschen brauchen wieder ein Dach über dem Kopf und Strom und Wärme in ihren Häusern. Trotz der bereits vor dem 14. Juli bestehenden Fachkräfte- und Materialknappheit die Kräfte hierfür bundesweit in den nächsten Jahren in den betroffenen Regionen bündeln zu können, wird ein Kraftakt. Das wird eine der Kernaufgaben des Aufbaus sein.“ Die Hilfsmittel des Landes fließen. „2.200 Anträge wurden bereits bewilligt, 11 Millionen Euro Soforthilfe ausgezahlt.“

Das Thema Geld griff auch Nicole Steingaß auf: „Ab Oktober können die Hilfen nach dem Aufbauförderungsgesetz beantragt werden, das jetzt die letzten parlamentarischen Hürden mit großer Mehrheit überwinden dürfte.“ Darüber hinaus wies auch sie darauf hin, dass die Hilfsmaßnahmen noch über Monate, sehr wahrscheinlich Jahre, gebraucht werden. „Dabei spielen natürlich auch Abstimmungsrunden wie die wöchentlichen Treffen unter dem Dach der HwK eine wichtige Rolle. Hier werden praktische Lösungen besprochen, die sich zügig umsetzen lassen.“ Auch die Landeshandwerkskonferenz sende ein starkes Signal und das Handwerk übernehme viel Verantwortung, was die Mainzer Landesregierung sehr schätze.

„Das Handwerk hat das Ahrtal nicht allein gelassen“, lobte auch Günter Kern, Leiter des Verbindungsbüros kommunaler Wiederaufbau. „Wenn die Bescheide der Wiederaufbauhilfe erst einmal rausgehen, wird der große Run einsetzen und ab dann ist das Handwerk aus ganz Deutschland gefragt.“

Der Ahrweiler Kreishandwerksmeister Frank Wershofen schilderte in einem emotionalen Vortrag seine Doppelrolle: auf der einen Seite betroffen, denn der Familienbetrieb wurde ein Opfer der Fluten. Auf der anderen Seite der Macher, der für seine Kunden und auch die Innungsbetriebe da ist. „Wir müssen die Hilfe koordinieren und den Kunden verlässlich zur Seite stehen. Und den eigenen Betrieb auch wieder aufbauen.“ Wershofen berichtete auch über jene Nacht, über seine Flucht vor den Wassermassen in ein Restaurant, „von dessen Dachterrasse ich zusah, wie unser Lebenswerk wegschwamm.“ Er ging auch auf ganz alltägliche Probleme ein, mit denen das Handwerk im Ahrtal nun kämpfe und die kaum sichtbar sind. So der Weg der Auszubildenden in die Ausweich-Berufsschule nach Andernach. Hier werde dringend ein Shuttle-Bus gebraucht. Wershofen bedankte sich bei den vielen Helfern, die auch ihm im Betrieb tatkräftig zur Seite standen. „Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt!“

Bernd Krinninger berichtete als Koordinator der deutschlandweiten Dachdecker-Hilfsaktion über seine Erfahrungen und Erlebnisse. „Wir sind bei diesem Einsatz nicht nur Handwerker, sondern auch Seelsorger“, ging er auf das Miteinander mit den Menschen vor Ort ein. Hämmern und Zuhören, oft trösten und Mut zusprechen – auch das sei eine Seite dieses Einsatzes. 300 Dachdeckerbetriebe aus ganz Deutschland haben mit 600 Fachkräften bisher 22.000 Arbeitsstunden freiwillig geleistet, Materialspenden in Höhe von 1,5 Millionen Euro wurden bereitgestellt. Aber: „Hilfe muss als finanzieller Anreiz auch in den helfenden Handwerksbetrieben ankommen!“ Auch das müsse bei der Verteilung der Hilfsgelder berücksichtigt werden.

Abschließend sprach Rainer Zeimentz, Leiter der Entwicklungsagentur RLP, über die Verantwortung, die sich mit dem Wiederaufbau auch verbinde. „Wir bauen das Ahrtal schöner als zuvor wieder auf – das waren auch die Gedanken der Anwohner nach den großen Hochwassern 1804 und 1910. Wir können heute auf wissenschaftliche Fakten und Forschungen zurückgreifen, die es damals noch nicht gab und müssen solche Naturphänomene auch künftig einkalkulieren – für uns, für die nächste und übernächste Generation. Wir müssen heute für unsere Nachfahren denken, planen und bauen.“ Das Ahrtal sei nicht nur der 14. Juli 2021, sondern auch 2025 oder 2050, mahnte Zeimentz. Trotz des Drucks und der großen Erwartungshaltungen, die nun auch eine Rolle beim Wiederaufbau spielen, müsse so gebaut werden, dass man auf künftige Fluten besser vorbereitet ist.

Die Veranstaltung wurde durch Ralf Hellrich, HwK-Hauptgeschäftsführer, moderiert. Hellrich appellierte an alle Beteiligten wie auch an die Krisenmanagement-Partner, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und nicht nachzulassen im Engagement für das Ahrtal und seine Menschen.

Quelle: HwK Koblenz